NEUROPATHIE
Der Begriff
"Neuropathie" setzt sich aus den Wortteilen "Neuro" (einen Nerv betreffend) und "pathie" (Krankheit, Erkrankung) zusammen. Die Neuropathie beschreibt also einen krankhaften Nerven zustand.
Die Neuropathie ist ein Oberbegriff und kann zwei sehr verschiedene Erkrankungsarten betreffen:
Erkrankung aufgrund einer Nervenschädigung, also im Sinne einer somatischen (= körperlichen, zum Körper gehörenden bzw. diesen betreffenden) Krankheit, oder
die Nerven, das Nervensystem betreffend, als reizbare Schwäche (z.B. Nervosität, Neurasthenie, Neurose) mithin also im Sinne einer psychischen Erkrankung.
Letztgenannte Bedeutung ist aber mehr historisch zu sehen, viele benutzen dafür heute den Ausdruck "Nervenleiden".
Für die Schmerztherapie ist nur die Neuropathie im Sinne einer Nervenschädigung relevant.
Bevor wir in das Thema "Neuropathie" einsteigen, noch ein paar wichtige Vorbemerkungen zum besseren Verständnis.
Grundsätzlich können Schmerzen auf zwei verschiedene Arten zustande kommen:
Nozizeptorschmerz: Hierunter versteht man die Aufnahme einer körperlichen Störung oder Schädigung mit Hilfe eines Rezeptors und Weiterleitung als Schmerz reiz über das Nervensystem zum Gehirn. Ein Rezeptor ist eine Art „Empfangseinrichtung“ einer Zelle oder eines Organs bzw. Systems. Sie wird je nach der Art des zu registrierenden Reizes als z.B. Chemo-, Thermo-, Baro- (= den Blutdruck betreffender), akustischer oder taktiler (= den Tastsinn betreffender) Schmerz - Rezeptor bezeichnet.
Neuropathischer Schmerz (= Nervenschmerz infolge einer Neuropathie): Bei dieser Schmerzart ist das schmerz leitende System selbst gestört oder geschädigt, es liegt sozusagen ein „Ner veneigenschmerz“ bzw. eine Neuropathie vor.
Die
Neuropathie ist auf eine
Nervenschädigung zurückzuführen. Im eigentlichen Sinne wird der Begriff
"Neuropathie" aber bei degenerativen (=.
funktionelle Abweichungen von der Norm im Sinne einer Funktionsminderung)
, tox ischen (= durch Gift bedingt), metabol
ischen (=
stoffwechselbedingt) und ischämischen (=
infolge einer Durchblutungsstörung) Schädigungen
verwendet.
Der Vollständigkeit halber werden im Folgenden jedoch alle Krankheitsbilder
aufgeführt, die mit einem sog. neuropathischen
Schmerz (=
Nervenschmerzen
infolge einer
Neuropathie) einhergehen.
Ca. 40% aller Patienten in Schmerzambulanzen und Schmerzkliniken leiden unter neuropathischen Schmerzen (= Nervenschmerzen infolge einer Neuropathie) (Zenz 1987).
Eine Neuropathie bzw. ein neuropathischer Schmerz kann verschiedene Ursachen haben:
Nervendurchtrennung z.B. im Rahmen einer Amputation
Mechanisch schädigende Einwirkungen (Traumen) auf den Nerv
Metabol ische (= stoffwechselbedingte) Störungen oder Schädigungen von efferenten (= vom Zentrum zur Oberfläche leitende) Ner ven
Nervenstörung oder Nervenschädigung infolge einer Virusinfektion ((z.B. Herpes zoster (Gürtelrose))
Zentrale (= das Rücken mark / Gehirn betreffende) Störungen oder Schädigungen
Nachstehend werden entsprechend der aufgeführten Ursachen typische Krankheiten beschrieben und Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt.
ad1:
Eine
Nervendurchtrennung z.B. im Rahmen einer
Am
putation
(durch Operation
oder Unfall) kann zu
Phantomschmerzen
(= Schmerzempfindung in einem Körperteil, der gar nicht mehr vorhanden ist)
führen. Dieser
Ne
rvenschmerz
tritt meist unmittelbar nach der
Am
putation
auf.
Wir sehen jedoch immer wieder Fälle, bei denen sich ein
Phantomschmerz erst nach
Jahren, in Ausnahmefällen sogar erst nach Jahrzehnten, einstellten.
Die Angaben
zu Schmerzperiodizität und Schmerzqualität lassen kein einheitliches Muster
erkennen. Bei der Abfrage der Schmerzqualität dominieren Begriffe wie
"brennend", "schneidend" und "wie eingeklemmt". Überwiegend wird ein
attackenförmiger Schmerzverlauf angegeben, wobei die
Schmerzattacken minuten- bis
tagelang dauern können. Bei fast allen Patienten mit einem
Phantomschmerz liegt eine
klimatische Schmerzmodulation (=
Änderung des Schmerzzustandes) vor.
Bei
Amputationen im Bereich der
Beine
stellen sich in der Regel später auch
behandlungsbedürftige Beschwerden an kontralateralen
(= gegenüberliegenden)
Gelen ken und an der
Wir belsäule ein, bedingt durch unphysiologische (= unnatürliche)
Dauerbelastungen.
Besonders bei anfallsartigen, einschießenden Schmerzen sollten
zur Behandlung Antikonvulsiva (z.B. Carbamazepin, Gabapentin oder
Pregabalin)
(= Mittel gegen das Anfallsleiden, aber auch
gegen
neuropathische Schmerzen wirksam) versucht werden. Hin und wieder ist auch ein Therapieversuch mit Baclofen
(z.B. Lioresal®) (= Mittel zur Muskel
entspannung)
erfolgreich.
Unterstützend (selten als einzige Therapie ausreichend) haben sich
Antidepressiva
(= Mittel gegen Depressionen, aber auch bei
Nervenschmerzen hilfreich)
zur Schmerzdistanzierung
sehr bewährt. Wir bevorzugen Maprotilin (z.B. Ludiomil®) und Doxepin
(z.B. Aponal®).
Oftmals ist die
therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel)
in Form von häufig
wiederholten Ner ven- und Leitungsbetäubungen bei dieser
Neuropathie
-Form sehr hilfreich.
ad2:
Eine häufig
unterschätzte Komplikation der schweren peripheren arteriellen
Verschlusskrankheit (pAVK) stellt die ischämische Neuropathie dar. Bei
der klinischen Symptomatik treten motorische Defizite (= Muskel
schwäche) gegenüber Schmerzen und Sensibilitätsstörungen
zurück. Überwiegend handelt es sich um asymmetrische (=
ungleich verteilte), nur die
Beine
betreffende Manifestationstypen. Alle
Nerven
faserklassen sind betroffen. Neben einer ischämische n Neuropathie
findet sich häufig die Kombination mit der diabetische n Neuropathie,
gekennzeichnet durch klinische und neurophysiologische Unterschiede. Die
Therapie ist symptomatisch (= gegen die Krankheitszeichen
gerichtet), und die Prognose (= Vorhersage über wahrscheinlichen Verlauf
und Ausgang einer Krankheit) wird entscheidend von dem zugrunde
liegenden Gefäßleiden, aber auch von dem erhöhten kardialen (=
das Herz betreffende) Risiko dieser Patienten bestimmt. (mod.
n. Deutsches Ärzteblatt 97, Ausgabe 42)
Die diabetische
Mononeuropathie
(= Neuropathie eines einzelnen
Nervs) führt zu Ausfällen im Bereich einzelner Hirnnerven
(Augenmuskel-, Facialisparese (= Lähmung des
Gesicht
s
nervs, dadurch
Lähmung der
Gesicht
s
muskeln)), aber nicht infolge von
metabol
ischen
(= stoffwechselbedingten)
Störungen oder Schädigungen, wie zu vermuten wäre, sondern durch
Mikroinfarzierungen (= winzige, höhergradige
Durchblutungsstörungen).
ad3:
Mechanische Schädigung:
Nach jeder
Nervenverletzung kann es zu
einer Kausalgie, neuerdings auch als
CRPS
Typ II (komplexes
regionales Schmerzsyndrom Typ II)bezeichnet,
kommen.
Das Krankheitsbild ist charakterisiert durch qualvolle, glühend-
brennende Schmerzen der betroffenen
Gliedmaße, auslösbar oder verstärkt
schon durch leiseste
Berührung
(Allodynie =
Berührungschmerzen)
((evtl. auch entfernter Körperstellen (Synästhesalg
ie)),
durch optische oder akustische Reize, Trockenheit (Xerosalg
ie), Wärme,
Affekte oder bloße Schmerzvorstellung (Sympsychalg
ie).
Meist bestehen
ferner
Störungen der Durchblutung u. der Hauttrophik
(= Ernährungs-/Wachstumszustand der Haut).
Die Schmerzausbreitung ist unabhängig vom Innervationsgebiet
(= Versorgungsgebiet eines
Nerven),
erfolgt evtl. auch auf die gegenseitige
Gliedmaßen
(Alloparalg
ie). Im
chronifizierten Stadium sind wiederholte Blockaden
(= Betäubungen)
des betroffenen
Nervs
mit einem langwirkenden Betäubungsmittel hilfreich,
optimal sind kontinuierliche Blockaden mit Katheter
(= eingepflanztem dünnen Kunststoffschlauch).
Letztgenannte Maßnahme sollte aber nur stationär (Schmerzklinik) durchgeführt
werden.
ad4:
Metabol ische
(=
stoffwechselbedingte) Störungen
oder Schädigungen verursachen den
Ner
venschmerz bei der
Polyneuropathie (=
Neuropathie mehrerer Ner ven). In der Praxis dominieren mit je einem Drittel der Fälle die
alkohol ische
und die diabet ische
Genese
(= Entstehung) (Neundörfer
1988).
In unklaren Fällen ist vor allem an exotoxische
(= von außen zugeführte Gifte betreffend)
Ursachen durch Medikamente (Vinca-Alkaloide, Nitrofurantoin u.a.m.) sowie
Gewerbegifte zu denken, daneben kommen endotoxische
(= Gifte die im Körper selbst entstehen)
(Porphyrie, Urämie) und evtl. infekt iöse
Ursachen (Borreliose,
Ehrlichiose
nach Zeckenbiß
bzw.
Zeckenstich) in Frage.
Die Patienten klagen über brennende
Dauerschmerz
en
im
Versorgungsgebiet peripherer (= mehr
oberflächlicher) Ner ven,
Parästhesien
(= Fehlempfindungen),
Hyperästhesien und
Hyperpathien
(= gesteigerte
Berührung
sempfindlichkeiten),
Druckschmerzhaftigkeit von
Nerven
und
Muskeln
sowie evtl. über motorische
(= die Muskel
funktion betreffende)
Reizerscheinungen (Cram pi) (Gerstenbrand et Rumpl
1988). Charakteristisch sind socken- bzw.
hand
schuhförmige Sensibilitätsstörungen
(= Störungen der Empfindlichkeit).
Die
Behandlung dieser
Neuropathie erfolgt in erster Linie kausal, also der
Ursache entsprechend: bei Diabetes mellitus Optimierung der Zuckereinstellung,
bei Pol y-Neuropathie (=
NeuropathieNer ven) Verzicht auf „Nervengifte“ wie z.B. Alkohol.
Symptomatische (= auf die
Krankheitszeichen ausgerichtete) Therapie
dieser
Neuropathie bzw.
Polyneuropathie:
Thioctsäure (alpha-Liponsäure) führt zu einer Reaktivierung
des Multienzymkomplexes und möglicherweise zur Bindung diabet ischer Ketone.
Das Antidepressivum Duloxetin (Cymbalta®),
ein Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer, ist auch zur
Schmerztherapie bei einer d
iabetische nn
Neuropathie
zugelassen worden.
Neurotrope Vitamine (=
„Nervenvitamine“): Die mehr oder
weniger hochdosierte Verabreichung neurotroper Vitamine ist bei
Polyneuropathien
(= Neuropathie mehrerer Ner ven) allgemein üblich. Leider führt diese Therapiemaßnahme in den wenigsten Fällen zu
einer Verbesserung..
Gegen die Schmerzen bei einer Neuropathie Antiepileptika (= eigentlich Mittel gegen die Fallsucht,
aber auch bei Neuropathie hilfreich). Als erste
Wahl gelten heute Gabapentin (Neurontin®) oder Pregabalin (Lyrica®), als 2. Wahl Carbamazepin (z.B.
Tegretal®).
Analgetika (=
Schmerzmittel):
Pol yneuropathisch bedingte Ner venschmerzen sind in der Regel durch Schmerzmittel
nur schwerlich günstig zu beeinflussen. Am ehesten ist noch ein Effekt von
zentral wirksamen Analgetika (=
Schmerzmittel die im
Rücken
mark / Gehirn wirken)
zu erwarten. Aus diesem Grunde ist es nicht möglich, ein sicher wirksames
Medikament zu empfehlen.
Eine Kombination aus Metamizol (z.B. Novalgin®) und
Chinin soll relativ zuverlässig schmerzlindernd sein. Ein Gemisch aus Uridin-
und Dinatriumsalze (Keltican®) kann versucht werden.
Wiederholte e Nervenblockaden: Die wiederholte Blockierung (Betäubung) der korrespondierenden Nervenleitungen mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) hat sich bei Neuropathie sehr bewährt. Dabei kommt es neben der (erwünschten) Hemmung der Schmerzreizleitung gleichzeitig zu einer Blockade vegetativer (sympathischer) Faseranteile, woraus eine sehr deutliche Mehrdurchblutung im korrespondierenden Gewebebereich resultiert, die jedem entzündlich/degenerativen Prozeß nachhaltig entgegenwirkt. In diesem Sinne ist diese Behandlung z.B. bei Neuropathie nicht nur symptomatisch, sondern auch kurativ (= auf die Ursache ausgerichtet). Auch wirkt diese deutlich verbesserte Durchblutung dem gestörten Nervenzellstoffwechsel kausal (= ursächlich) entgegen.
ad5:
Eine Nervenschädigung oder -störung infolge einer Virusinfektion liegt
bei der sog. postzosterischen
Neuralg
ie (Zoster-Neuralgie) vor.
Vorausgegangen ist die
Herpes
zoster-Erkrankung, eine neurodermale (=
Nerven
und Haut betreffende)
Infektionskrankheit. Der Erreger ist der Her pes-Varizellen-Virus.
Der Name Zos ter kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Gürtel“ entsprechend der
gürtelförmigen Hautausbreitung am Körperstamm. Aus diesem Grund wird diese
Schmerzkrankheit auch als
Gürtelrose
bezeichnet.
Der
Herpes zoster befällt
überwiegend die Nervensegmente der unteren Brustwir belsäule,
seltener den
Gesicht
s- bzw.
Kopf
bereich (Zoster
ophthalmicus,
Zoster oticus).
Die
Zoster-Erkrankung beginnt mit brennenden, juckenden
Nervenschmerzen im Bereich
der befallenen Nervensegmente und geht mit Sensibilitätsstörungen einher. Schon
die
Berührung
der Haut im befallenen Bereich verursacht starke
Nervenschmerzen
(eine sog. Allodynie). Einige Tage später bilden sich Hauterscheinungen wie rote
Flecken, Pusteln und Papeln aus. Diese sog. Effloreszenzen heilen in der Regel
nach 2 - 4 Wochen ab und normalerweise verschwinden dann auch die Schmerzen
wieder.
Wenn der Ner venschmerz die Hauterscheinungen
des
Herpes zoster
überdauert, meistens nach 4-6 Wochen, dann ist die Krankheit in eine
Zoster-Neuralgie ((postzosterische Neuralgie (PZN)) übergegangen.
Der Schmerzcharakter dieser Herpes zoster-Neuralgie wird von den Patienten
uneinheitlich beschrieben: anhaltend tief drückend oder brennend, blitzartig
einschießend, stechend und brennend. Teilweise liegt auch (weiterhin) eine Allodyn ie
(= Schmerzauslösung durch an sich nicht
schmerzhafte Reize, z.B. Kleidung)
vor.
Die Behandlung dieser Neuropathie ist schwierig und sollte deshalb dem erfahrenen Schmerztherapeuten überlassen werden. Dauerschmerz en, auch infolge einer Neuropathie, erfordern praktisch immer eine Kombination von verschiedenen Therapieverfahren. Bei Neuropathie sind dies:
ad6:
Zent rale
(= das
Rücken
mark / Gehirn betreffende)
Störungen oder Schädigungen sind Ursache für Ner venschmerzen nach einer
Querschnittslähmung und für den sog.
Thalamusschmerz.
Über den
Mechanismus der Schmerzentstehung nach einer
Querschnittlähmung ist
wenig bekannt. Nach Thoden (1987) klagen 50% aller Patienten mit
verletzungsbedingten
Querschnittsläsion
en über störende Mißempfindungen
unterhalb der Verletzungsstelle. Immerhin 27% leiden unter
Nervenschmerzen,
vorwiegend im Bereich der
Beine. Teilweise tritt auch
ein krampfartiger,
viszeraler Schmerz (= die
Eingeweide
betreffender Schme
rz)
im
Bauchraum
auf. Auch vom Verletzungssegment selbst können
Schmerzen ausgehen, die oft auf eine Instabilität zurückzuführen sind. Diese
Instabilität kann chirurgisch behoben werden.
Der Schmerzzustand nach einem
kompletten Querschnit t wird auch als
Deafferenzierungsschmerz
bezeichnet.
Zur
Behandlung der
Neuropathie bei einer
Paraplegie (= Lähmung
der
Beine) kann die
kontinuierliche per idurale (= rückenmarknahe)
Blockade
mit Katheter (= dünner
Kunststoffschlauch) hilfreich sein.
Die Einpflanzung des Katheters muß jedoch oberhalb des geschädigten Segments
erfolgen.
Bei Tetrapleg ie (= Lähmung
der
Arme und
Beine) bedarf die
kontinuierliche Per iduralblockade oberhalb des geschädigten Segments wegen des
erhöhten Risikos einer strengen Indikationsstellung
(= Abwägung von Nutzen und Risiko).
Medikamentös können Carbamazepin (= ein
Mittel gegen die Fallsucht, aber auch bei Ner ven-Schmerzen wirksam),
Gabapentin oder Pregabalin,
Baclofen und schmerzdistanzierende Antidepressiva sowie
Neuroleptika
(= Mittel das auf die Psyche wirkt)
versucht werden. Gegen die unangenehme Spastik wirkt am besten Baclofen (z.B.
Lioresal®). Falls bei oraler (=
Tabletten-) Gabe die Nebenwirkungen
zu stark werden, kann die rückenmarknahe Verabreichung mittels eingepflanzter
Pumpe (oder Port) in Erwägung gezogen werden. Mittel der 2. Wahl ist Sirdalud.
Bei
Thalamusschmerzen handelt es sich um ein sog.
zentrales Schmerzsyndrom
(= das Gehirn betreffendes
Schmerzsyndrom), ausgelöst durch Störungen oder Schädigungen in
schmerzkontrollierenden Arealen des zentralen Nervensystems (Thala mus).
Hauptursache ist ein Schlaganfall (apoplektischer-Insult). Die
betroffenen Patienten klagen in der Regel über heftige Ner venschmerzen in der
herdgekreuzten Körperhälfte (Hemialgesie). Die vorzugsweise brennenden
Dauerschmerzen
können sich attackenartig verstärken. Teilweise liegt eine
Allodynie (= Schmerzauslösung durch an
sich nicht schmerzhafte Reize) vor.
Fast regelmäßig besteht eine
Hyperpathie
(= verzögerte Reizantwort, der Schmerz hält über
Reizzeit hinaus an bei insgesamt erhöhter Reizschwelle).
Bei der neurologischen Untersuchung
findet sich eine
Hemiparese (=
Halbseitenlähmung) mit
meist guter Rückbildungstendenz. Motorische (= die
Muskelkraft betreffende) Störungen (Chorea (= sog.
Veitstanz), Athetose (= Haltungs-, Tonus- u. Bewegungsstörung)) kommen vor,
ebenso die sogenannte Thala mus
hand nach Poeck (die
Finger sind im
Grundgelenk gebeugt und in den Interphalangealgelenken (=
Mittelgelenken) überstreckt, sie zeigen eine Bewegungsunruhe; die
Fehlstellung gleicht sich beim Auflegen der Hand auf eine feste Unterlage aus)
und eine meist gering ausgeprägte Ataxie (= funktionelle
Störung der Bewegungsabläufe).
Der Nachweis der zugrunde liegenden
Störung oder Schädigung ist durch Computertomographie, Angiographie
(= Gefäßdarstellung mit Röntgenstrahlen)
und Kernspintomographie möglich.
Die Behandlung dieser
Neuropathie
-Form ist selbst für den
erfahrenen
Schmerztherapeuten eine große Herausforderung.
Medikamentös kann
Carbamazepin (z.B. Tegretal®) (= ein
Mittel gegen die Fallsucht, aber auch bei
Nervenschmerzen wirksam)
in aufsteigender Dosierung bis zu 1500mg /Tag versucht werden (Swerdlow
1984). Gabapentin (Neurontin®) oder Pregabalin (Lyrica®)
wirken oft besser, sind aber auch deutlich teurer. Phenytoin (z.B. Epanutin®) soll ebenfalls schmerzlindernd sein (Cantor
1972). Teilweise sahen wir auch mit Baclofen (z.B. Lioresal®)
(= ein im Rückenmark / Gehirn wirkendes Mittel zur Muskelentspannung)
eine günstige Wirkung. Ansonsten bleibt oft nur die Verschreibung von
Opiaten.
Teilweise können aber mit der therapeutischen Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel)
gerade bei einer
Neuropathie
beachtliche Erfolge erzielt werden. Nach Austestung mittels diagnostischer
Blockaden (Betäubungen) werden im
Extremitäten
bereich
(=
Arme und
Beine)
wiederholte Pl exus brach ialis-, N.
femoral is-
und/oder Isch iadikusblockaden
durchgeführt, oft sind sie längerfristig nur in der
kontinuierlichen Form mit
Katheter (= eingepflanztem dünnem Kunststoffschlauch)
erfolgreich.
Bei Mitbeteiligung des
Gesichtes kommen wiederholte Blockaden der
betroffenen Trigeminusäste in Frage.
Angesichts eines "zentralen Schmerzes"
(= Schmerz, der im Rückenmark / Gehirn
entsteht) erscheint die Durchführung
von Nervenblockade
n zugegebenermaßen paradox. Wir haben jedoch festgestellt, daß
bei ca. 40-50% der betroffenen Patienten diese Therapie tatsächlich anspricht
und zu einer Schmerzlinderung führt. Möglicherweise wird durch die zentrale
Läsion (= Störung/Schädigung)
teilweise ein peripheres (= mehr
oberflächliches)
Schmerzsyndrom
herbeigeführt, vielleicht indem neurobiologische Mechanismen der Perzeption
(= Empfindung, Wahrnehmung) durch das
efferente sympath ische System (=
weggeleitete Erregungen im unwillkürlichen Nervensystem)
mehr oder weniger ausgeprägt aktiviert werden. Für eine Beteiligung des sympath ischen Systems sprechen auch die Berichte von Loh et al. (1980)
und Nathan (1980), wonach Schmerzen in
Arme und
Beine
nach einer
Störung/Schädigung des Zentralnervensystems
(= Rückenmark und Gehirn)
durch Sympathikusblockaden beseitigt oder gelindert werden können. Da die
Nervenstämme ((besonders Pl exus brach ialis
(= Nervengeflecht des Armes)) auch
vegetative, sympath ische Fasern mit sich führen, kann eine solche Wirkung
postuliert werden.
Wenn Schmerzen aufgrund einer Neuropathie längerfristig bestehen, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Schmerzbehandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.
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26.11.2006 k u www.neuropathie.org
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